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Hormonsystem der Schildkröte

Das endokrine System (bzw. die endokrinen Drüsen, lat. Glandulae endocrinae) ist ein System aus spezialisierten Organen, Geweben und Zellgruppen, welches die Steuerung komplexer Körperfunktionen mit Hilfe von Botenstoffen (Hormonen) vollzieht. Bei Schildkröten hat das Hormonsystem besonderen Einfluss auf die periodisch wiederkehrenden Erscheinungen.


Wichtiger Hinweis zur Winterstarre
Als verantwortungsbewusster Halter von mediterranen Landschildkröten lassen Sie ihre Exemplare jedes Jahr ihre Winterstarre absolvieren! Nur dann ist ein geregeltes Hormonsystem gewährleistet. Andernfalls sind die Landschildkröten durch eine gestörte Hormonausschüttung anfällig für Erkrankungen!


Sagittalansicht einer Schildkröte - Darstellung der Hormondrüsen. (C) Dominik Müller

Sagittalansicht einer Schildkröte – Darstellung der Hormondrüsen. (C) Dominik Müller

Die Drüsen des endokrinen Systems produzieren Hormone und geben diese unmittelbar in die Blutbahn ab (endokrin = innere Sekretion). Über die Blutbahn gelangen die Hormone entweder direkt zu den Organen, in denen sie ihre Wirkung entfalten sollen, oder aber sie stimulieren andere Drüsen, welche ihrerseits Hormone ausschütten (indirekte Wirkung). Solche Hormone werden als Releasing-Hormone (Freisetzungshormone) bezeichnet.

Hirnanhangdrüse (Hypophysis)

Die Hypophyse wird in einen Vorderlappen und einen Hinterlappen eingeteilt. Sie hat in mehreren Funktionsweisen Einfluss auf das Hormonsystem. Einerseits produziert sie Hormone, die direkt in ihrem Zielgebiet wirken. Weitere von ihr freigesetzte Hormone veranlassen andere endokrine Drüsen zur Freisetzung von Hormonen.

Hypophysenvorderlappen (Adenohypophysis)

Hormone mit direkter Wirkung:

  • STH (Somatotropes Hormon) ist für das gesamte Wachstum verantwortlich
  • MSH (Melanozyten stimulierendes Hormon) reguliert die Melaninsynthese in den pigmentbildenden Melanozyten sowie die Melanozytenexpansion und die Pigmentdispersion. Weiterhin ist es an der Steuerung von Hunger und der sexuellen Erregung beteiligt.

Hormone mit indirekter Wirkung:

  • ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) stimuliert die Nebennierenrinde.
  • TSH (Thyreoidea stimulierendes Hormon) stimuliert die Schilddrüse.
  • FSH (Follikel stimulierendes Hormon) stimuliert die Keimdrüsen (Eierstöcke/Hoden).
  • LH (Luteinisierendes Hormon) veranlasst die Reifung und Produktion der Geschlechtszellen: Ovulation (Eisprung) bei weiblichen und Spermienreifung bei männlichen Tieren.

Hypophysenhinterlappen (Neurohypophysis)

Dort werden die Hormone Oxytocin und ADH (Antidiuretisches Hormon / Dursthormon) gespeichert und bei Bedarf ausgeschüttet. Oxytocin ist vor allem für die Austreibung der Eier wichtig (in der Medizin als Wehenmittel bekannt). ADH ist durch die Engstellung der Gefäße im Organismus an der Regulation des Wasserhaushalts beteiligt.

Zwischenhirn (Hypothalamus)

Im Zwischenhirn des Körpers werden die Hormone GnRH (Gonadtropin-Releasing-Hormon) und CRH (Cortigotropin-Releasing-Hormon) gebildet. Bei der Ausschüttung von GnRH kommt es zur Produktion von FSH und LH innerhalb der Hypophyse. Wird CRH abgegeben, wird die Ausschüttung von ACTH in der Hypophyse stimuliert.

Zirbeldrüse (Epiphyse, Glandula pinealis)

Die Epiphyse ist für die Bildung des Melatonin (aus Serotonin) zuständig. Dadurch wird der Tag-Nacht-Rhythmus gesteuert. Bei erhöhter Ausschüttung (nachts) kommt es zur Tiefschlafphase und Ausschüttung des Wachstumshormons Somatotropin. Tageslicht hemmt die Produktion von Melatonin.

Schilddrüse (Glandula thyreoidea)

Die Schilddrüse ist für die Produktion der jodhaltigen Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) zuständig. Die Produktion wird von dem TSH (Thyreoidea stimulierendes Hormon) sowie durch Melatonin angeregt. Die jodhaltigen Hormone haben großen Einfluss auf den gesamten Energiestoffwechsel des Körpers und das Wachstum. Außerdem bildet die Schilddrüse in den C-Zellen Calcitonin, welches als Gegenspieler zum Parathormon der Nebenschilddrüse, ebenfalls am Calciumstoffwechsel beteiligt ist. Calcitonin senkt den Calciumspiegel im Blut.

Nebenschilddrüse (Glandulae parathyroideae)

Schildkröten besitzen insgesamt vier Nebenschilddrüsen, mit deren Hilfe der Calciumstoffwechsel reguliert wird. Calcitonin der Schilddrüse wirkt als Gegenspieler auf das Parathormon der Nebenschilddrüse, welches die Calciumkonzentration im Blut steigert.

Nebenniere (Glandula adrenalis)

Die Nebennieren befinden sich bei Schildkröten am vorderen (cranialen) Nierenpol.

Nebennierenrinde (Cortex glandulae suprarenalis)

Die Rinde der Nebenniere ist durch die Produktion von Steroidhormonen an der Steuerung des Wasser-, Fett-, Mineralstoff- und Zuckerhaushalts des Körpers mitverantwortlich. Sie ist vor allem durch die Produktion von Cortisol bekannt, das als ein Stresshormon im Allgemeinen den Blutzuckerspiegel erhöht. Außerdem dämpft es die Reaktion des Immunsystems.

Nebennierenmark (Medulla glandulae suprarenalis)

Innerhalb des Nebennierenmarks kommt es zur Bildung und Speicherung folgender Hormone:

  • Adrenalin (Stresshormon) führt nach der Ausschüttung im Körper zu :
    • Steigerung der Herzfrequenz
    • Anstieg des Blutdrucks
    • Erweiterung der Bronchien
    • Schnelle Bereitstellung von Glucose
    • Zentralisierung des Blutes (Schock)
    • Hemmung der Magen-Darm-Tätigkeit
  • Noradrenalin führt nach der Ausschüttung im Körper zu:
    • Engstellung der Gefäße
    • Unterstützung der Wirkung von Adrenalin

Keimdrüsen (Gonaden)

Die Gonaden werden über das von der Hypophyse abgegebene FSH (Follikel stimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon) zur Produktion und Abgabe der eigentlichen Geschlechtshormone stimuliert. Die Ausschüttung der Hormone ist stark abhängig von der Tag-Nacht-Länge (Lichtperiode), der Lichtintensität am Tag und der Umgebungstemperatur.

Hoden (Testes)

Die Hoden der männlichen Tiere sind für die Produktion der Androgene (männlichen Geschlechtshormone) zuständig. Das bedeutendste Adrogen ist das Testosteron. Dieses steuert die Reifung der Geschlechtsorgange während der körperlichen Entwicklung und gibt die nötigen Signale für die Produktion der Spermien (Samenzellen) im Hoden. Es hat außerdem großen Einfluss auf den für männliche Individuen typischen Körperbau. Männliche mediterrane Landschildkröten entwickeln z. B. einen im hinteren Randbereich aufgebogenen Rückenpanzers sowie einen dickeren und längeren Schwanz (im Vergleich zu Weibchen).

Eierstöcke (Ovarien)

In den Eierstöcken der weiblichen Tiere werden die Hormone Östrogene und das Progesteron gebildet. Die Östrogene führen zur Ausreifung der befruchtungsfähigen Eizellen und schließlich auch zum Eisprung (Ovulation) sowie zur Ausbildung des Eidotters (Vitellogenese). Nach dem Eisprung bildet sich am Ovar der sogenannte Gelbkörper (Corpus luteum), welcher das Progesteron produziert. Die weiblichen Sexualhormone sorgen für alle nötigen Vorbereitungen, die zur Befruchtung und Entwicklung der Eier nötig sind (v. a. hohe Durchblutung der Schleimhaut).

Bauchspeicheldrüse (Pankreas)

Endokrine Funktion

Das Pankreas ist einerseits für die Produktion und Ausschüttung von Insulin und Glucagon in die Blutbahn zuständig. Dadurch wird der Glucose-Spiegel (Zuckergehalt im Blut) reguliert. Wird kohlenhydratreiche Nahrung aufgenommen, kommt es zur Ausschüttung von Insulin, was für die Aufnahme von Glukose in die einzelnen Körperzellen benötigt wird. α-Zellen sind für das Glucagon, β-Zellen für Insulin, die δ-Zellen für Somatostatin und die PP-Zellen für das Pankreatische Polypeptid zuständig. Somatostatin hemmt die Sekretion von Pankreasenzymen, Gastrin und Pepsin. Das Pankreatische Polypeptid hemmt die Enzym- und Hydrogencarbonat-Produktion der Bauchspeicheldrüse, die Darmbewegung (Motilität) und die Abgabe von Galle.

Exokrine Funktion

Daneben ist die Bauchspeicheldrüse aber auch direkt, durch Abgabe des Pankreassaftes in den Dünndarm, an der Verdauung beteilgt. Der Verdauungssaft enthält eiweißspaltende, stärkespaltende und fettspaltende Enzyme.


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