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Aufzucht von Landschildkröten

Landschildkröten bleiben auch trotz jahrzehntelanger Nachzucht in menschlicher Obhut immer noch Wildtiere, die sich nicht an von uns aufgezwängte Haltungsbedingungen anpassen. Für uns, als Züchter, bedeutet dies, dass der natürliche Lebensraum bei der Haltung stets als Vorbild dienen soll. Bereits Schlüpflinge sollten somit eine naturliche und artgerechte Umgebung vorfinden.

Die ersten Wochen nach dem Schlupf

Schlüpfling der Griechischen Landschildkröte (Testudo hermanni boettgeri). Foto: Berthold Werner

Schlüpfling der Griechischen Landschildkröte (Testudo hermanni boettgeri). Foto: Berthold Werner

Nachdem eine Landschildkröte den kräftezehrenden Schlupfvorgang vollständig abgeschlossen hat, ruht sich das Jungtier zunächst aus. Daher belassen wir alle Schlüpflinge auch nach dem Schlupf noch für etwa 24 Std. innerhalb des Inkubators.

Die Körperform entspricht direkt nach dem Schlupf noch der Ei-Form. (C) Dominik Müller

Die Körperform entspricht direkt nach dem Schlupf noch der Ei-Form. (C) Dominik Müller

Jeder Schlüpfling sollte dabei in einer eigenen kleinen Schale untergebracht werden, damit er nicht durch Berührung bzw. Anstupsen weiterer Eier, einen vorzeitigen Schlupf auslöst. All diese Behälter sind mit feuchter Küchenrolle ausgelegt, damit die Dottersacköffnung nicht vertrocknet. Grundsätzlich wird die Dottersacköffnung von uns mit einer desinfizierenden, jodhaltigen Salbe (z. B. Betaisodona) versorgt. Dabei wird der gesamte rötliche Dottersack bzw. die Dottersacköffnung dünn mit der Salbe eingerieben.

Größenvergleich eines Schlüpflings (Testudo hermanni boettgeri) und einer 2-€-Münze. (C) Dominik Müller

Größenvergleich eines Schlüpflings (Testudo hermanni boettgeri) und einer 2-€-Münze. (C) Dominik Müller

In einem Zeitraum von 12 bis 24 Std. nach dem Schlupf erholen sich die etwa 2-€-Stück großen Winzlinge nun im Inkubator und strecken dabei ihren noch eiförmig gefalteten Körper. Sobald ein Jungtier versucht aus seinem Schlupfbehälter zu klettern, wird es vorsichtig herausgenommen und einem ersten “Check-up” unterzogen.

Erster Gesundheits-Check

Der Dottersack ist nach 24 Std. im Normalfall fast vollständig eingezogen. Schlüpft eine Schildkröte zu früh, ist der Dottersack größer und noch nicht verschlossen, was ihn für Infektionen anfällig macht.

Ein relativ großer, noch nicht verschlossener Dottersack ist für Infektionen anfällig. (C) Dominik Müller

Ein relativ großer, noch nicht verschlossener Dottersack ist für Infektionen anfällig. (C) Dominik Müller

Sollte er noch, wie oben zu sehen, geöffnet und/oder so groß sein, dass er den Schlüpfling beim Laufen behindert, muss das Jungtier weitere Tage innerhalb des Inkubators verbringen und die Öffnung täglich, wie oben geschrieben, versorgt werden (feucht halten und mit Jodsalbe bestreichen).

Neben dem Dottersack sollte außerdem noch kontrolliert werden, ob

  • alle vier Gliedmaßen und der Schwanz korrekt angelegt sind
  • Augen und beide Nasenlöcher korrekt angelegt sind
  • eine Gaumen- bzw. Hornscharte besteht
  • die Fortbewegung mit allen vier Gliedmaßen möglich ist und ob
  • sonstige Anomalien bestehen.

Gerade Schild-Anomalien sind immer wieder zu beobachten. Grund sind häufig die künstlich hohen und konstanten Bruttemperaturen in menschlicher Obhut. Reine Schild-Anomalien wie z. B. ein dreigeteiltes Schild, ein doppeltes Schild oder ein asymmetrisches Schild, sind i. d. R. völlig harmlos und lediglich als optischer Fehler anzusehen. Sollte jedoch eine der sonstigen oben genannten Anomalien vorhanden sein (z. B. nur ein Auge), so ist der Schlüpfling in jedem Fall einem schildkrötenerfahrenen Tierarzt vorzustellen!

Erste Unterbringung der Schlüpflinge

Der erste Wasserkontakt nach dem Schlupf. (C) Dominik Müller

Der erste Wasserkontakt nach dem Schlupf. (C) Dominik Müller

Nachdem der Gesundheits-Check durchgeführt wurde, werden alle Schlüflinge von uns für ca. 5 Minuten in lauwarmem Wasser gebadet. So haben die Winzlinge erstmals die Gelegenheit, ihren Wasserhaushalt in Schwung zu bringen. Bei dem Bad ist darauf zu achten, dass die Wassertiefe die Höhe des Bauchpanzers nicht überschreitet. Lieber etwas weniger Wasser einfüllen, als zu viel. Meist nehmen die Schlüpflinge das erste Bad gerne an und nehmen gierig Wasser auf. Kurze Zeit später, beginnen sie im Normalfall bereits herumzulaufen.

Mobiles Terrarium unserer Nachzuchten von Testudo hermanni boettgeri. (C) Dominik Müller

Mobiles Terrarium unserer Nachzuchten von Testudo hermanni boettgeri. (C) Dominik Müller

Werden die jungen Landschildkröten nun zu unruhig, sollte der Badegang beendet werden, um unnötigen Stress zu vermeiden. Wöchentlich wird dies nun wiederholt, um eine ausreichende Wasseraufnahme in den ersten Lebenswochen zu gewährleisten.

Nun folgt der Einzug in das erste Heim der Kleinen. Ein mobiles Terrarium stellt in den ersten Lebenswochen ein optimales Zuhause für Schlüplinge dar. An warmen und sonnigen Tagen wird das mobile Terrarium nach draußen in eine halbsonnige Lage gestellt (die Hälfte muss stets schattig sein!). An kühlen, verregneten Tagen sowie nachts kann es in einem beheizbaren Frühbeet untergestellt werden.

Bereits als Schlüpfling ist das Klettern fester Bestandteil des Tagesablaufs. (C) Dominik Müller

Bereits als Schlüpfling ist das Klettern fester Bestandteil des Tagesablaufs. (C) Dominik Müller

Innerhalb der ersten vier Wochen verbleiben die Schlüpflinge in dieser kleinen, aber dennoch naturnah ausgestatteten Behausung und werden anschließend in ihr Frühbeet umgesiedelt. In den ersten Wochen sollte man als Halter vor allem auf die Nahrungsaufnahme der Winzlinge achten! Frisst eines der Jungtiere nicht, sollte dem nachgegangen werden.

Sonnenstrahlen sollten nur Teile der Unterbringung bestrahlen, um eine Überhitzung zu verhindern. (C) Dominik Müller

Sonnenstrahlen sollten nur Teile der Unterbringung bestrahlen, um eine Überhitzung zu verhindern. (C) Dominik Müller

Es sei an dieser Stelle noch zu erwähnen, dass Schlüpflinge innerhalb der ersten 2 bis 4 Tage nach dem Schlupf oftmals noch keinerlei Nahrung zusich nehmen, da sie noch von den restlichen Nährstoffen des Dottersackes zehren. Viele Schlüpflinge sind in dieser Phase oftmals vergraben und kaum zu sehen. Erst danach findet eine aktive Nahrungsaufnahme statt. Bereits Schlüpflinge sind dazu in der Lage, Stücke aus festen Blättern und Stängeln herauszubeißen. Daher ist ein Kleinschneiden der Futterpflanzen nicht nötig. Durch das Beißen nutzen sich die Hornschneiden des Kiefers auf natürlichem Wege ab und bleiben stets in optimaler Länge.

Um bereits von Beginn an eine optimale Calcium-Versorgung zu gewährleisten, sollte eine naturnahe Ernährung angestrebt werden. Siehe unter Ernährung! Auch den Schlüpflingen dienen uns Sepiaschalen als externe Calciumquelle.

Bei jungen Landschildkröten muss außerdem stets darauf geachtet werden, dass sich das Substrat wirklich immer in einem feuchten Zustand befindet. Trockenes Substrat trocknet die Schleimhäute aus, macht die Schildkröten krankheitsanfälliger und ist zudem auch die Hauptursache für Höckerbildung des Panzers.

Schlüpflinge sind in den ersten Lebenswochen zurückhaltend und die meiste Zeit versteckt. Dies ist völlig normal, da sie in diesem Alter im natürlichen Lebensraum am leichtesten den vielen Fressfeinden zum Opfer fallen können (Vögel, Nager, Wildschweine).

Frühbeet-Aufzuchtstation

Blick in die Frühbeet-Aufzuchtstation im heißen Sommer (Trockenbereich). (C) Dominik Müller

Blick in die Frühbeet-Aufzuchtstation im heißen Sommer (Trockenbereich). (C) Dominik Müller

Nach knapp einem Monat sind die Nachzuchten bereits sehr erkundungsfreudig und nehmen gierig Nahrung auf. Der Umsiedlung in die Frühbeet-Aufzuchtstation steht nun nichts mehr im Wege.

Gut isolierte und UV-durchlässige Frühbeete eignen sich hervorragend zur Aufzucht. Unser Aufzucht-Frühbeet ist 200 x 110 cm groß und besteht aus UV-durchlässigen, 16 mm dicken Stegdoppelplatten (ALLTOP®-Verglasung), die einen hohen Isolierwert aufweisen und über 90 % der Helligkeit hindurchlassen.

Die folgenden Frühbeet-Varianten sind UV-durchlässig und bei uns selbst im Einsatz:

Wichtige Hinweise

Denken Sie bitte immer daran, dass …

  • Jungtiere bis zu einem Gewicht von 250-300 g mit einem Netz oder Draht vor Greifvögeln geschützt werden sollten!
  • an sonnigen Tagen schnell Temperaturen von über 40°C in einem Frühbeet entstehen können und die Tiere einen Hitzschlag erleiden werden! Bitte immer einen automatischen Fensterheber einbauen oder ein Dachfenster komplett entnehmen. Aber auch hier wieder an den Schutz von oben denken!
  • Schildkröten nachts sicher in der Frühbeet-Schutzhütte verschlossen sein sollten, um sie vor Fressfeinden wie Madern und anderen Nagern zu schützen!
  • den Tieren immer und überall Wasser zur Verfügung gestellt werden muss!
  • Sie den Schildkröten genügend Schattenplätze (Pflanzen, Äste, Korkröhren) anbieten müssen!

Einrichtung des Frühbeetes

Grundsätzlich ist es wichtig, dass mehrere Zonen eingerichtet werden, in denen jeweils ein unterschiedliches Mikroklima herrscht. Ein Bereich sollte auf jeden Fall möglichst warm sein (im Bereich der installierten Wärmequelle) und ein Bereich feucht und etwas kühler (dieser wird bevorzugt als Schlafplatz genutzt).

Zweijähriges Jungtier der Griechischen Landschildkröte im Frühbeet (Trockenbereich). (C) Dominik Müller

Zweijähriges Jungtier der Griechischen Landschildkröte im Frühbeet (Trockenbereich). (C) Dominik Müller

Der Bodengrund selbst besteht bei uns aus einem Gemisch (lockere, humusreiche Gartenerde und etwas Sand), welches immer leicht feucht gehalten wird. Je nach Zone überwiegt der Humus (feucht/kühl) oder der Sand (trocken/warm). Ggf. kann es notwendig sein, den Boden mit Schildkrötenerde von Floragard oder Kokosfaserhumus zu mischen, damit das Gemisch leichter feucht zu halten ist.

Zweijähriges Jungtier der Griechischen Landschildkröte im Feuchtbereich des Frühbeetes. (C) Dominik Müller

Zweijähriges Jungtier der Griechischen Landschildkröte im Feuchtbereich des Frühbeetes. (C) Dominik Müller

Damit den Tieren genügend Futterpflanzen zur Verfügung stehen, wurde schon einige Wochen vor dem Einzug eine Samenmischung für Schildkröten ausgestreut. Eine Zufütterung ist jedoch früher oder später trotzdem nötig, da sich die Bepflanzung im Frühbeet bei mehreren Schildkrötenmäulern erfahrungsgemäß nicht sehr lange hält.

Warmer Trockenbereich, an dem sich die Jungen auf "Betriebstemperatur" erwärmen können. (C) Dominik Müller

Warmer Trockenbereich, an dem sich die Jungen auf “Betriebstemperatur” erwärmen können. (C) Dominik Müller

Damit sich die Schlüpflinge jederzeit auf ihre Stoffwechseltemperatur von 35-37°C erwärmen können, wurde ein heller Halogen Spotstrahler PAR38 installiert, unter dem eine lokale Temperatur von ca. 40°C herrscht. Direkt darunter liegt eine flache Steinplatte, welche die Wärme auf natürlichem Wege auch von unten abgibt. Bitte keine Heizsteine/Heizmatten verwenden – diese führen den Schildkröten Wärme ausschließlich von unten zu, was unnatürlich ist. Dies führt dazu, dass der Bauchpanzer im Verhältnis zum Rückenpanzer schneller wächst und so Missbildungen entstehen. Außerdem ist die Verbrennungsgefahr zu groß, da Schildkröten nur helles Licht mit Wärme verbinden!

Neben einer lokalen Wärmequelle, darf auch eine Raumheizung nicht fehlen, damit im Innern auch an kühlen Tagen und in den Übergangszeiten (Frühjahr/Herbst) die optimale Temperatur herrscht. Hier empfiehlt sich ein Elstein® Keramik-Heizstrahler 100-150 Watt, welcher kein Licht, sondern ausschließlich Wärme abstrahlt. Dieser Heizstrahler ist mit einem sogenannten Thermo-Timer-Temperaturregler gekoppelt, mit dem man die Programmierung der Strahler sehr gut steuern kann.

Sträucher (wie Lavendel, Thymian, und Gräser) dienen als Versteck und Schattenspender; Korkröhren werden bevorzugt als Schlafplatz angenommen.

In diesem Frühbeet verbleiben die Jungtiere bis zum Herbst und werden auch dort auf die Winterstarre vorbereitet.